Meine Top 5 Schreibtipps: Die Rohfassung

Schreibtipps

1. Schreib über das, was du liebst.

Viele raten beim Schreiben zu dem Grundsatz »Schreibe über das, was du kennst.« Das halte ich für ein zu rigoroses Ausschlussprinzip. Wenn ich mich lediglich in meiner kleinen Was-ich-kenne-Blase aufhalte, lerne ich nicht dazu, entwickle mich nicht weiter. Daher finde ich den Rat »Schreibe über das, was du liebst, wofür du dich begeistern kannst« sehr viel wertvoller. Ich hatte zu Beginn von Ersticktes Matt kaum Ahnung von Schach, kannte die Grundregeln, konnte es mit Ach und Krach spielen. Mehrfach musste ich mir anhören: »Warum schreibst du über etwas, wovon du keine Ahnung hast?« Weil ich es will. Weil es mir Spaß macht. Weil ich gerne lerne. Aus mir ist nun kein Schachprofi geworden, das war auch nicht meine Intention. Trotzdem habe ich viel darüber gelesen und gelernt. Wenn du einen Roman über Kannibalismus bei den Korowai in Papua-Neuguinea schreiben willst, dann tu das – auch wenn du noch nie da warst und bisher (hoffentlich) noch keinen Menschen verspeist hast. Wir leben in Zeiten, in denen Informationen so reichhaltig sind wie noch nie. Es wäre doch schade, sie nicht zu nutzen. Denn wie Maxim Gorki schon so treffend sagte: »Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.«

2. Planung ist die halbe Miete.

Dies gilt nicht nur für einen Thriller, sondern für jedes Genre und generell jede Art von Text. Was will ich mit meinem Text aussagen, wo soll die Reise hingehen, was möchte ich meinem Leser mitteilen? Ohne Planung geht es kaum. Das habe ich auch bei meinem Roman gemerkt und ich würde beim zweiten viel genauer und umfangreicher planen. Damit meine ich nicht nur den Plot, sondern auch die Rollen der einzelnen Figuren stärker fest- oder einen Zeitstrahl anlegen. Gute Planung vereinfacht so vieles und ermöglicht es, den Schreibprozess viel schneller zu durchlaufen. Ich weiß, es gibt auch Autoren, die aus dem Bauch heraus eine perfekte Geschichte entwickeln können, aber die sind eher in der Minderheit. Auch wenn du lieber einfach drauflosschreibst: Probiere es einmal mit einem Plan und schau, ob das was für dich ist. Du kannst beim Schreiben selbst immer noch viel ändern. Ich glaube, durch eine gute Planung VOR dem eigentlichen Schreiben lassen sich viele unvollendete Manuskripte verhindern.

3. Schreib die erste Fassung so schnell wie möglich.

Das hat mehrere Vorteile: viele Erfolgserlebnisse in kurzer Zeit, du siehst den Roman wachsen und gedeihen und musst dich nicht nach einer wochenlangen Pause wieder in die Handlung einarbeiten. Am besten sind natürlich täglich feste Schreibzeiten, was teilweise schwierig sein kann, wenn du Beruf und/oder Familie hast. Dennoch solltest du es ausprobieren und wenn es nur eine halbe Stunde täglich ist, die du abends weniger fernsiehst. Ich habe die Erstfassung von Ersticktes Matt über einen quälend langen Zeitraum von vier Jahren geschrieben, teilweise mit monatelangen Pausen. Ich glaube nicht, dass das der Geschichte gut getan hat. Mir jedenfalls nicht. Jedes Mal, wenn ich mich nach einer Schreibpause wieder an das Manuskript wagte, bin ich in den ersten Tagen über dem Text verzweifelt, weil es schwer war, wieder hineinzufinden. Das ist unwahrscheinlich demotivierend. Empfehlenswert, um viel Textmasse in kurzer Zeit zu produzieren (siehe auch Punkt 4), sind Schreibevents wie der NaNoWriMo im November oder das Camp NaNoWriMo im April/Juli. Die Motivation, die du durch den ständig wachsenden Wordcount und das Schreiben mit anderen erfährst, ist unglaublich. Dein Roman wird es dir danken.

4. Erlaube dir, schlecht zu schreiben.

Vielleicht ist dies der wichtigste Tipp von allen … Ich habe lange dafür gebraucht und muss mich auch heute noch dazu durchringen, nicht stundenlang an einem gerade erst niedergeschriebenen Absatz herumzufeilen. Auch wenn es schwerfällt, das zu glauben, aber: Kein Satz ist  in Stein gemeißelt. Du kannst sie so oft verändern, wie du möchtest, sie streichen, teilen oder genau so lassen, wie sie sind. Perfektionismus hat in der Rohfassung noch nichts zu suchen – im Gegenteil, meistens hemmt er eher. Genauso wie die Überarbeitung während des eigentlichen Schreibprozesses. Man verliert sich in Details, die unwichtiger nicht sein könnten. Schreib das verdammte Ding zuerst nieder, du kannst hinterher immer noch alles ändern, was dir nicht gefällt. Denn schon Hemingway wusste: »Der erste Entwurf ist immer scheiße.«

5. Tausche dich mit anderen Autoren aus.

Die Zeiten, in denen der Schriftsteller einsam mit einer Flasche Wein in einer kargen Dachkammer vor der Underwood saß, sind vorbei. »Gott sei Dank!«, möchte man beinahe ausrufen. Nichts ist schöner, als sich mit Menschen auszutauschen, die der gleichen Leidenschaft nachgehen. Ob online bei Facebook, Twitter oder in Schriftstellerforen oder persönlich im Café oder der Schreibstube – geh hinaus in die Welt und verkünde: »Ja, ich schreibe!« Du wirst jede Menge Gleichgesinnte treffen, mit denen du über deine Texte sprechen kannst, die dich motivieren, wenn es mal nicht so gut läuft und dir Feedback zu deinen Geschichten geben. Allein und für sich schreiben ist gut und schön, aber viel mehr Spaß macht es im Austausch mit anderen.

Wie lautet der beste Schreibtipp in Bezug aufs Schreiben der Rohfassung, den du bisher bekommen hast?

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Photo byLauren Mancke on Unsplash

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12 Gedanken zu “Meine Top 5 Schreibtipps: Die Rohfassung

  1. Ein sehr guterBeitrag,danke! Der hat mir gerade sehr geholfen… Ich schreibe selbst gerade ein Manuskript und war einigermaßen verzweifelt… Da ich einfach, wie du es gesagt hast, mit viel zu viel Perfektionismus an die Sache heran gegangen bin. Mir hatte ein „Mach dich mal locker so wird das doch nichts“ von meinem Freund echt geholfen… Denn du hast recht, man kann nicht direkt perfekt sein, dafür hat man später nochmal Zeit, doch erstmal muss man echt einfach durchziehen. Nen Plan machen, wie du sagst. Und dann einfach schreiben. Und ich bin auch so froh, dass wir Schreiberlinge durch das Internet die Möglichkeit haben, uns zu vernetzen. Mir hilft es so sehr, von gleichgesinnten zu lesen und selbst meine Gedanken übers Schreiben los zu werden. Das befreit mich ganz oft und ich kann dann weiter machen.
    Noch ne kleine Ergänzung: Was mir wirklich geholfen hat und was ich auch wirklich jedem empfehlen würde, ist, sich ausführlich mit seinen Charakteren zu erfassen. Du hast das auch erwähnt, aber ich denke, das ist wirklich nochmal einen zweiten Blick wert. Immerhin sind die Figuren jene, die die Geschichte tragen, mit ihnen soll man mitfühlen und sich identifizieren. Oft denkt man, ach, ich kenne die Person, das passt alles. Doch oft ist das nur oberfläclich. Arbeitet man sich denn einen Frabebogen aus mit diversen Eigenschaften was Inneres und Äußeres und die Rolle im Plot angeht, merkt man erstmal, wie wenig menschlich die Person doch im Kopf war. Man hatte nur das relevanteste zu ihr im Kopf und hat ganz vergessen, ihr ein Profil zu geben. Charaktere bestehen ja nicht nur aus Storyrelevanten Punkten. Klar, vieles entsteht auch beim schreiben, doch man sollte sich einiges auch davor schon vor Augen halten.
    Upps, das war nun ein langer Kommentar^^
    Liebe Grüße von der Luna

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Luna! Die Figuren sind unglaublich wichtig, das stimmt. Schließlich sind sie die treibende Kraft im Roman. Zur Figurenarbeit habe ich auch schon diverse Artikel geplant. 🙂

  2. Punkt 3 und 4 sind tatsächlich die besten Tipps. 100 Mal angefangen, aber letztes Jahr beim NaNoWriMo das erste Mal diese Ratschläge befolgt: einfach schreiben, nicht korrigieren. Und seither läuft es. Der Kritiker und Perfektionist darf dann bei der Überarbeitung wiederkommen.
    Schöner Artikel, tolles Schnitzel- Zitat – das kannte ich tatsächlich noch nicht. 😀

    1. Ich liebe das Schnitzel-Zitat! Dazu gibt es demnächst auch nochmal einen gesonderten Artikel. 😀
      Ja, Perfektionismus hat in der Rohfassung tatsächlich mal so gar nichts zu suchen. Ich weiß nicht genau, wer es gesagt hat oder wie der genaue Wortlaut war, aber das fand ich auch sehr hilfreich: „In der Rohfassung erzählt der Autor sich die Geschichte selbst.“ Die Magie kommt erst mit der Überarbeitung in den Text ^

      1. Ah super! Da bin ich ja mal gespannt! 😀

        Stimmt, muss man aber erstmal lernen. Aber ist ja ohnehin so eine Lebensregel: wenn man nicht alles so perfekt haben muss, geht’s eigentlich. 😉

        Das Zitat dürfte von Terry Pratchett sein, wenn ich mich richtig erinnere. ^^
        Auch sehr toll. ❤

  3. Ich bin auch gerade im vierten Jahr meines romans. Und werde – so Gott und meine Muse es zulassen – diesen Monat endlich fertig. Mit der Rohfassung.
    Es geht mir also wie dir: lange Zeit mit großen pausen sind manchmal wirklich die Hölle.
    Deshalb habe ich auch vor, den nächsten Band mit deutlich mehr Planung anzugehen, obwohll ich ein ausgesprochener Pantser bin… 🙂
    Mal sehen, wie sich das dann ausgeht…

    Der beste Tipp zum Schreiben kam von einer Autorenfreundin während meines 1. naNoWriMos:
    „Die Muse und der innere Kritiker vertragen sich nicht! Das gibt nur Mord und Totschlag zwischen den beiden! Deshalb sperr den inneren Kritiker ins Weinfass im Keller und lass ihn erst wieder raus, wenn die Muse entlassen ist.“
    🙂

    1. Ganz genau! Manchmal lassen sich Pausen einfach nicht vermeiden. Aktuell geht es mir auch wieder so, ich habe seit Februar nicht mehr geschrieben, weil es zeitlich einfach nicht klappte (und ich zu k.o. war, wenn ich die Zeit hatte). Ich weiß, dass ich es schaffe, mich wieder ins Manuskript einzufuchsen – auch wenn ich dadurch natürlich Zeit verliere.Das ärgert mich jedes Mal, aber es ist okay. Solche Phasen müssen wir wohl ab und an einfach akzeptieren.
      Das Bild deiner Freundin vom inneren Kritiker im Weinfass gefällt mir sehr! Da kann er sich den „schlechten“ Text erstmal schön trinken und hinterher seinen Senf dazugeben 😉

  4. Mein bester Schreibtipp: Schreib einfach drauflos. Ich weiß, das passt nicht wirklich zu dem, was du geraten hast (siehe Planung) aber ich bin damit immer sehr gut zurechtgekommen. Adaptieren kann man den Text nachher. Bei der Rohfassung stört es nur den Schreibfluss, wenn man ständig die Hände von der Tastatur nimmt und sich fragt: Passt dieses Wort dorthin? Soll meine Protagonistin wirklich so aussehen? Ist das nicht jetzt unlogisch? Ist der Text zu vorhersehbar? Das kann man ja alles beim späteren Überarbeiten noch ändern. Bei der ersten Fassung finde ich nur die folgenden drei Dinge wichtig:
    1. Mit Herz und Seele dabei sein, wirklich in den „Schreibfluss“ gehen.
    2. Ungefähr wissen, in welche Richtung man steuert.
    3. Schreiben, weil man es will, und nicht, weil man denkt, man MUSS jetzt etwas zu Papier bringen.

    Außerdem mein bester Schreibtipp für das Überarbeiten der Rohfassung: Gewinne emotionalen Abstand zu deinem Text. Laut dubiosen Internetseiten machen das einige Autoren sehr seltsam:
    – den Text an eine Wand hängen und mit dem Fernglas lesen
    – den Text zerreißen und wieder zusammenkleben, ins Wasser werfen, zerknüllen, etc. „um sich klar zu machen, dass er nicht sehr wichtig ist“
    – die Seiten eines Buches, das man sehr kritisch betrachten würde, mit dem eigenen Text überkleben
    Ich mache es allerdings etwas weniger krass, ich lasse das Geschriebene einfach für ein paar Wochen liegen und schaue es mir erst danach wieder an. Dann kann ich wirklich ehrlich und ohne das Oh-mein-Gott-ich-habe-etwas-geschrieben-und-es-ist-fantastisch-Gefühl überarbeiten.
    GLG, SchreibWelt

    1. Hallo SchreibWelt! Vielen Dank für deinen Kommentar! Es passt eigentlich sogar sehr gut zu dem, was ich geschrieben habe: Erlaube dir, schlecht zu schreiben. Schlecht nicht unbedingt im Sinne von „total grottig“ (aber auch das ist natürlich erlaubt), sondern in dem man sich nicht an den Details aufhängt. Die Rohfassung ist dazu da, sich die Geschichte zunächst einmal selbst zu erzählen, erst in den folgenden Schritten geht es darum, es für den Leser aufzubereiten. Erst mit der Überarbeitung kommt die Magie in den Text. 🙂
      Deine Tipps zur Überarbeitung sind auch super! Die Änderung des Formats kann Wunder bei der Überarbeitung wirken. Oft reicht es sogar schon, die im Schreibprogramm eingestellte Schriftart zu ändern – und schon fallen einem plötzlich Sachen auf, die man beim bekannten Schriftbild übersehen hätte.
      Liebe Grüße
      Nina

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