Ablenkungsfreies Schreiben

Organisation für Autoren

Dieser Artikel ist der Auftakt zur Blogreihe »Ablenkungsfreies Schreiben«, in der ich dir ein paar Tipps und Tricks an die Hand gebe, wie du während des Schreibens bei der Stange bleiben kannst.

Wer von uns kennt das nicht? Da haben wir uns gerade mit einer Tasse Kaffee oder Tee an den Schreibtisch gesetzt, mit dem festen Vorsatz mindestens 1.000 Wörter zu Papier zu bringen oder endlich die Szene zu Ende zu schreiben, an der wir schon ein paar Tage lang knabbern. Und dann? Klingelt das Telefon. Oder der Postbote steht vor der Tür. Eine eilige E-Mail trudelt ein, die wir erst noch beantworten wollen. Der Partner ruft: »Schaaatz, kannst du mal kurz …?«. Außerdem ist gleich die Waschmaschine durchgelaufen. Und der Boden müsste eigentlich auch mal wieder gewischt werden …

All diese Dinge sind wichtig, manche vielleicht mehr, andere weniger. Und all diese kleinen Erledigungen, die für sich genommen nur wenige Minuten in Anspruch nehmen, kosten uns in ihrer Masse reichlich Schreibzeit, wenn wir sie »mal eben« dann erledigen, wenn eigentlich unsere Geschichte wachsen und gedeihen sollte.

In nahezu jedem Schreibratgeber, den ich zu diesem Thema gelesen habe, wird Folgendes empfohlen: Mach feste Termine mit dir zum Schreiben aus. Verabrede dich mit dir selbst zu einem Schreibdate wie du dich mit einem guten Freund verabreden würdest. Diesen würdest du ja auch nicht wegen einer durchgelaufenen Waschmaschinenladung versetzen, oder?

Ach, du heilige Schreibzeit

Ja, deine Schreibzeit ist heilig! Auch neben all den alltäglichen Aufgaben und Herausforderungen, die dir plötzlich irgendwie wichtiger erscheinen.Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn du in dieser Zeit das Telefon ausstöpselst und die Wollmäuse noch ein wenig in deiner Wohnung umherflitzen lässt.

Für viele Autoren hat es sich bewährt, zu festgesetzten Zeiten zu schreiben. So stand Ernest Hemingway zeit seines Lebens früh auf – meistens zwischen halb sechs und sechs – und setzte sich zügig an den Schreibtisch. Die morgendliche Stille beflügelte ihn, mehrere Stunden am Stück zu schreiben, mal mit Stift und Papier, wenn es gut lief, auch auf der Schreibmaschine. Er notierte sich jeden Tag seine Zahl an geschriebenen Worten, um seinen Fortschritt zu dokumentieren. Ein interessantes Detail ist, das Hemingway grundsätzlich im Stehen an einem brusthohen Regal schrieb.[1] Die vielzitierte Aussage »Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen.« kommt nicht von ungefähr.

Auch Charles Dickens war unglaublich diszipliniert, was seine Schreibzeit anging. Pünktlich um neun Uhr morgens saß er am Schreibtisch, bis er mit seiner Familie zu Mittag aß. Danach zog er sich wieder in sein Arbeitszimmer zurück, bis er sich um vierzehn Uhr zu seinem täglichen, dreistündigen Spaziergang aufmachte. An einem durchschnittlichen Tag schaffte er auf diese Weise etwa zweitausend Wörter, wenn ihn die Muse küsste, konnten es auch doppelt so viele werden. Auch wenn Dickens nicht schrieb, hielt er seine Arbeitszeiten ein, dachte nach, schaute aus dem Fenster oder notierte sich Einfälle und Ideen. Nicht nur in Bezug auf seine Arbeitszeiten, sondern auch im Hinblick auf sein Arbeitszimmer hatte Dickens äußerst präzise Vorstellungen: Sein Schreibtisch stand am Fenster, darauf sein Arbeitsmaterial, bestehend aus einer Gänsefeder, blauer Tinte und Papier, neben diversen Ziergegenständen, wie ein Blumenstrauß, kleine Statuetten und ein Brieföffner.[2]

Nicht nur Dickens war sich der Wichtigkeit eines Arbeitszimmers bewusst, auch zeitgenössische Autoren wie z. B. Stephen King sind davon überzeugt, dass ein abgegrenzter Raum nicht nur positiven Einfluss auf das eigenen Schreiben hat, sondern durchaus notwendig ist. So schreibt er in seinem Buch »Das Leben und das Schreiben«: Der Raum kann knapp bemessen sein […] und braucht eigentlich nur eins: eine Tür, die Sie hinter sich schließen können. Mit einer geschlossenen Tür sagen Sie dem Rest der Welt und sich selbst, daß Sie jetzt bei der Arbeit sind; Sie haben sich verblindlich fürs Schreiben entschieden und möchten konzentriert bei der Sache sein. Wenn Sie Ihr neues Arbeitszimmer betreten und die Tür hinter sich schließen, sollten Sie sich ein tägliches Ziel gesetzt haben. Wie auch bei körperlichen Übungen wäre es ratsam, das Ziel anfangs nicht zu hoch zu setzen, damit Sie nicht entmutigt werden. Ich schlage tausend Wörter pro Tag vor, und weil ich gerade in Spendierlaune bin, würde ich sagen, Sie können sich einen Tag in der Woche freinehmen, am Anfang wenigstens.[3]

Eine einzuhaltende Schreibzeit und ein abgeschlossener Arbeitsbereich sind eng miteinander verbunden. Wenn du nicht gerade alleine wohnst, sondern vielleicht mit deinen Eltern oder deinem Partner und deinen Kindern zusammen, ist es nicht immer einfach, diesen geschlossenen Raum und die Zeit, die du für dein Schreiben brauchst, einzufordern. Das klappt nur, wenn du deine Mitbewohner einbeziehst, wenn du ihnen verständlich machst, dass diese eine Stunde am Tag (vielleicht auch mehr oder weniger) ausschließlich dir und deinem Schreiben gehört. Und in dieser Stunde arbeitest du  wirklich an deinem Manuskript, recherchierst oder tust das, was als nächstes im Hinblick auf dein Buch ansteht. Kein Social Media in dieser Zeit! Nein, auch nicht »mal eben nur gucken«. Das erfordert einiges an Disziplin, ich weiß. Aber es ist möglich, sich nicht ablenken zu lassen. In den folgenden Artikeln dieser Blogreihe werde ich dir einige Methoden vorstellen.

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[1] Currey, Mason: Musenküsse.* Für mein kreatives Pensum gehe ich unter die Dusche (2014), S. 84ff.
[2] ders. S. 234 ff.
[3] King, Stephen: Das Leben und das Schreiben* (2000), S. 173 f.
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Weitere Artikel dieser Reihe:

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2 Gedanken zu “Ablenkungsfreies Schreiben

  1. Wie sehr träume ich von meinem eigenen Arbeitszimmer… 😍 Ich denke, wenn man das hat, ergibt sich vieles von selbst. Das Schreiben fühlt sich nicht mehr wie nebenbei an, sondern tatsächlich wie der Beruf. Man geht eben auf arbeit.
    Doch leider ist das die nächsten Jahre nicht drin bei mir…
    Man muss sich arrangieren, wie es irgendwie geht… Und da muss ich sagen, tut mir absolute Abgeschiedenheit nicht gut, sprich also wenn ich mich komplett abkapsel. Dann werde ich seltsam Unruhig. Es ist nicht so, dass ich generell immer auf mein Handy sehe weil ich denke, ich könnte eine nachricht haben, gar nicht. Doch wenn ich irgendwo in der Wohnung schreibe und weiß, ich habe immer die Möglichkeit, eben mal Kurz abzuwaschen, zu fegen, ne Nachricht zu schreiben, dann hab ich viel mehr Ruhe. Ich beiße mich ansonsten zu schnell ungesund an etwas fest. Wenn ich merke, ich komme gerade wirklich nicht weiter, dann stehe ich kurz auf, mach was anderes und dann gehe ich wieder ran. Das klappt so eigentlich super.
    Allerdings habe ich auch keine Kinder… Und zur Zeit sowieso viel Freizeit… Mit einer richtigen Familie sieht es natürlich anders aus und da kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man sich wirklich diese Zeit mehr oder weniger erkämpfen muss – auch eben vor sich selbst, man muss es sich gönnen

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