5 Ressourcen für gelungene Figuren

Figurenentwicklung

Dreidimensionale Figuren zu entwickeln, die dem Leser wie reale Menschen erscheinen und denen er gerne folgt, ist eine der Herausforderungen, der man sich als Autor täglich stellt. Menschenkenntnis, reale Vorbilder (bitte nicht die Schwiegermutter oder andere Mitmenschen 1:1 in den Roman schreiben – das könnte Ärger geben), andere Romanfiguren – schön und gut. Aber wie schaffen wir Charaktere, die nicht bloß Schablonen sind, sondern neben ihren inneren und äußeren Zielen und Konflikten auch eine echte Persönlichkeit haben?

Quellen dafür gibt es reichlich. Für den einen funktioniert es, die Figuren von sich erzählen zu lassen oder Interviews mit ihnen zu führen. Manche Autoren schreiben sich ein, indem sie die Figuren zunächst in ihrem Alltag beobachten, sie begleiten, ihren Gedanken, Sorgen und Wünschen zuhören.

Mit den drei Dimensionen, die Lajos Egri in seinem Buch Literarisches Schreiben* vorstellt, ist einem schon gut geholfen. Diese drei Dimensionen sollte jeder Schriftsteller verinnerlichen:

  • Physiologische Dimension
    In diese Dimension gehört all das, was den Charakter äußerlich ausmacht: Aussehen, Nationalität, Alter, Geschlecht, Gewicht und Körpergröße, eventuelle Narben usw. Auch der Klang seiner Stimme, wie er spricht, wie stark er Mimik und Gestik nutzt, wird in dieser Dimension beschrieben. Im Grunde genommen all das, was eine andere Person wahrnehmen könnte. Desweiteren natürlich auch Krankheiten und weitere körperliche Aspekte.
  • Soziologische Dimension
    Hier geht es v. a. um das soziale Leben der Figur. Wo ist sie aufgewachsen? Aus welchem Milieu stammt sie? Aus welcher sozialen Schicht? Gehört sie einer Religionsgemeinschaft an? Was für eine Schulbildung hat sie genossen? Wie war seine Kindheit? Hat(te) sie viele Freunde oder war/ist sie eher Einzelgänger? Welche Werte und Ansichten haben ihre Eltern ihr mit auf den Weg gegeben?
  • Psychologische Dimension
    Diese dritte Dimension einer Figur finde ich persönlich am spannendsten. Und vielleicht ist sie auch die wichtigste – auch wenn sie natürlich nicht von den anderen beiden losgelöst betrachtet werden kann. Ganz im Gegenteil: Sie resultiert aus den vorigen beiden. Zusammen bilden sie eine Einheit, einen Charakter, eine Figur. Hier kommen die Sehnsüchte der Figur ins Spiel, ihre Wünsche, ihre Ziele und Ängste, ihr gesamtes Innenleben. Welche Begabungen hat der Charakter? Welche Phobien? Ist er intelligent? Verständnisvoll? Fröhlich? Depressiv? Grausam? Sadistisch? Hier tauchen wir tief in die Psyche der Figur ein, durchdringen sie vollständig und erfahren ihre innersten Bedürfnisse und Beweggründe.

Hier kommen die Ressourcen ins Spiel

Nun ist nicht jeder Autor in hohem Maße so psychologisch geschult, dass er die Auswirkungen einer Kindheit als ungewollter und ungeliebter Spross einer Familie verschiedenster Gesellschaftsschichten absehen kann. Oder was eine Geburt in eine Familie mit sich bringt, die Geld wie Heu hat, der es aber weniger um das Kind an sich als um Prestige geht. Grundsätzlich kann man natürlich sagen: Alles und nichts. Die Menschen sind zum Glück unterschiedlich, jeder entwickelt sich anders, jeder bekämpft seine eigenen Dämonen, jeder hadert auf andere Weise mit sich und seinem Schicksal.

Nicht außer Acht lassen sollten wir hier jedoch, dass Romanfiguren zwar den Anschein erwecken (sollten), reale Menschen zu sein, es jedoch nicht sind. Sie dienen einem höheren Zweck, nämlich der Geschichte, die erzählt werden soll. Nicht selten kommt es daher vor, dass Stereotypen erschaffen werden, die vor allem das tun: die Geschichte voranbringen. Um das zu verhindern und seinen Blickwinkel für die Vielfalt der Menschen und der literarischen Figuren zu erweitern, bieten sich zahlreiche Quellen an, von denen ich an dieser Stelle fünf vorstellen möchte, die mir besonders vielversprechend erscheinen.

5 RESSOURCEN für gelungene Figuren

1. Westliche Astrologie: Die Tierkreiszeichen

Klingt erstmal reichlich esoterisch, nicht wahr? Man muss nicht an Horoskope glauben, um sie für sich nutzbar zu machen. Ich meine an dieser Stelle auch nicht die paar Sätze Tages- oder Wochenhoroskope, die man in nahezu jeder Fernsehzeitschrift finden kann. Es kann aber durchaus hilfreich sein, sich einmal näher mit den verschiedenen Sternzeichen zu beschäftigen – auch wenn man die einzelnen, den Zeichen zugeschriebenen Eigenschaften nicht für bare Münze nimmt, so können sie doch ein Quell an Inspiration sein. Und da jede Figur ein Geburtsdatum braucht: Warum nicht eines nehmen, das vom Sternzeichen her zu ihrem Charakter passt?

2. Enneagramm

Zu Beginn ein wenig Etymologie: Das Wort Enneagram stammt aus dem Altriechischen von ennea = neun und gramma = das Geschriebene und bezeichnet ein neunspitziges, esoterisches Symbol. Mithilfe des sogenannten Persönlichkeitsenneagrams werden die Menschen in neun Typen klassifiziert. Woher es ursprünglich stammt, ist unbekannt, Vermutungen legen nahe, dass es vom Sufismus, der islamischen Mystik, überliefert wurde.

Innerhalb der neun Typen werden bestimmte Charaktereigenschaften, Werte und Verhaltensweisen erläutert. Neun Typen klingt erst einmal ziemlich wenig, um die gesamte menschliche Vielfalt zu „katalogisieren“, allerdings interagieren die verschiedenen Klassifikationen auch miteinander. Mischformen sind ebenfalls möglich (und üblich).

Es gibt zahlreiche Bücher und Webseiten, die sich mit der Thematik befassen. Am einfachsten ist es, sich zunächst einmal selbst zu testen und einem der Typen zuordnen zu lassen. Dies geschieht durch Fragebögen unterschiedlicher Länge, z. B bei 9types oder Eclectic Energies. Natürlich ersetzen solche Online-Tests keine Enneagram-Berater, die noch genauere Einschätzungen vornehmen können, die sich aber eher der Persönlichkeitsberatung und dem Life Coaching verschrieben haben, als der Entwicklung von literarischen Figuren. Auf diesen Seiten erhälst du aber einen guten ersten Eindruck über deine Figuren (und vielleicht auch dich selbst).

Ich mache diese Tests gerne, wenn ich bereits ein wenig über eine bestimmte Figur weiß, z. B. welche Rolle sie in der Geschichte spielen soll. Es ist immer wieder erstaunlich, auf welche verschiedenen Pfade man geführt wird und um wieviel dichter die Figur wird, wenn man sich darauf einlässt.

3. Der Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI)

Mein persönliches Highlight für dreidimensionale Figuren. Dieser Indikator wurde von Isabel Myers und Katherine Briggs in den 1920er Jahren aus C. G. Jungs Psychologischen Typen entwickelt. Beim MBTI werden die Menschen in sechzehn Typen eingeteilt, die aus vier Hauptklassen stammen. Diese vier Hauptklassen sind die Motivation zur Sinneserfahrung (Extraversion/Introversion), die Verarbeitung der Sinneseindrücke (Intuition/Sensorik), Entscheidungsfindung (Denken/Fühlen) und die Aufnahme von Eindrücken aus der Umwelt (Wahrnehmung/Beurteilung). Von der wissenschaftlichen Psychologie wird er meist abgelehnt, dennoch kann er gerade für psychologische Laien eine gute Grundlage sein, Figuren zu kreiieren, die mehr als bloße Schablonen sind. Einen guten Einstieg findet man auf der Seite 16Personalities. Den Test, den man dort durchführen kann und viele Texte gibt es auch auf Deutsch, es lohnt sich jedoch, auch die englische Fassung zu lesen, da die Informationen dort wesentlich umfangreicher sind.

Auch wenn die Psychologie nicht von der Gültigkeit überzeugt ist, ist der Typenindikator ein wunderbarer Ideenfundus für die eigenen Figuren. (Abgesehen davon habe ich mich wunderbar verstanden gefühlt, nachdem ich den Test für mich selbst gemacht hatte. Vielleicht also nicht unbedingt wissenschaftlich, aber dran ist bestimmt etwas 😉 ).

4. Tarot

Zurück in Richtung Esoterik. Von diesen Karten hat sicherlich jeder schon einmal gehört, der ein oder andere hat vielleicht sogar ein Set zuhause, das in irgendeiner Schublade verstaubt. Diese Karten werden häufig zu Weissagungen, aber auch zu psychologischen Zwecken (z. B. zur Hilfe bei der Entscheidungsfindung) genutzt. Meistens bestehen sie aus 78 Spielkarten, es gibt jedoch zahllose unterschiedliche Decks. Das heutzutage wohl bekannteste dürfte das Raider-Waite-Deck von 1910 sein.

Wahrsagerei – schön und gut, aber was hat das mit unseren Figuren zu tun? Die Karten sind hochgradig symbolisch aufgeladen, sie sind mit griechischer und nordischer Mythologie ebenso verknüpft wie mit der Zahlenmystik, der Numerologie. In einer einzigen Karte steckt schon ein reichlicher Ideenfundus, der zu weiteren Geschichten, Charakteren und Symbolen führt. Wie wenden wir diese Karten jetzt am besten auf unsere Figuren an?

Das einfachste Legesystem – von denen es übrigens ebenfalls so zahlreiche gibt wie von den Kartendecks – dürfte eine Drei-Karten-Legung sein. Man zieht also aus dem gemischten Set drei Karten: eine für die Vergangenheit der Figur, eine für die Gegenwart und eine für die Zukunft. Am besten funktioniert das, wenn man das für mehrere Lebensbereiche der Figur durchspielt, also eine Kartenlegung für die berufliche Situation, eine für das Liebesleben, eine für die familiäre Lage usw. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Das Schöne an dieser Methode ist, dass sie einem häufig eine Entwicklung der Figur in ihren unterschiedlichen Lebensbereichen sogleich mitliefert. Also: Karten raus und losgelegt!

Einige hilfreiche Beiträge abseits von den üblichen Tarotbüchern findet ihr übrigens unter der Kategorie Tarotmittwoch auf dem Blog von Frau Schreibseele.

5. Und last but not least: die Chinesische Astrologie

Eigentlich ist die chinesische Astrologie keine Astrologie im westlichen Sinne, denn sie basiert nicht auf den Berechnungen der Position der Sterne, der Sonne und des Mondes zum Zeitpunkt der Geburt, sondern auf einem Kalender, der auf verschiedenen Disziplinen fußt. Allen voran die chinesische Philosophie, darunter die Lehre von Yin und Yang, die Lehre von den fünf Elementen und diverse andere Einzeldisziplinen, die einander bedingen.

Im Gegensatz zur westlichen Astrologie, in der sämtliche Horoskop-Konstellationen innerhalb eines Kalenderjahres durchlaufen werden, besteht der Zyklus der chinesischen Astrologie aus 60 Mondjahren. Diese 60 Jahre sind noch einmal in kleinere Zyklen zu je 12 Jahren unterteilt, denen je ein Sternzeichen zugeordnet ist.

Das chinesische Sternzeichen wird – vereinfacht ausgedrückt –  vom Geburtsjahr und der Geburtsstunde bestimmt, denen je ein Element und ein Zeichen zugeteilt werden. Aktuell befinden wir uns in 2018 und damit im Jahr des Erde-Hundes.
Wie wir es vom westlichen Horoskop auch kennen, werden den asiatischen Sternzeichen ebenfalls bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen etc. zugesprochen, die bei der Erstellung von Romanfiguren sehr hilfreich sein können. In welchem Jahr ist eure Figur geboren? Schaut doch mal, ob ihr sie in ihrem asiatischen Sternzeichen wiedererkennt.

Muss ich alle Methoden nutzen?

Das war nun erst einmal einiges an Input. Gewiss „muss“ man nicht alle hier genannten Methoden nutzen, um eine dreidimensionale Figur zu erschaffen. Aber sie können hilfreich sein, wenn man das Gefühl hat, den Charakter noch nicht gut genug zu kennen.

Welche Methoden nutzt du, um deine Figuren kennenzulernen? Hast du eine von den oben genannten bereits ausprobiert? War sie hilfreich für dich?

~~~
BUCHTIPPS:

~~~
Photo byRhett Wesley on Unsplash
*Bei diesen Links handelt es sich um Amazon-Affiliate-Links.

Advertisements

Helden, Helfer und Halunken

Buchvorstellung

Helden, Helfer und Halunken – Perfekte Figuren für Ihren Roman

von Isa Schikorsky

BOD, 2014
216 Seiten
Taschenbuch: 11,50€*
Kindle Edition: 6,49€*

Isa Schikorskys Schreibratgeber beschäftigt sich vornehmlich mit dem Personal eines Romans und legt viel Wert auf Vollständigkeit und Ausführlichkeit. Auf 216 Seiten beleuchtet die Autorin sämtliche Facetten der Figuren und gibt zahlreiche Beispiele aus der modernen und klassischen Literatur.

Helden, Helfer und Halunken gliedert sich in acht Kapitel, in denen die unterschiedlichen Aspekte beleuchtet werden:

  1. Figurenrollen und Grundtypen

Im ersten Kapitel geht es vor allem um die Unterscheidung zwischen Protagonist, Antagonist und Nebenfiguren. Dabei geht die Autorin besonders darauf ein, welche seiner Figuren man wie gut kennen sollte und welche Rollen ihnen im Roman zukommen. Des Weiteren zeigt sie den Unterschied zwischen realen und fiktionalen Charakteren auf.

  1. Figuren im Erzählprozess

Das zweite Kapitel beleuchtet Figuren im Hinblick auf ihre Glaubwürdigkeit und ihre Funktionen im Plot. Wann wirkt eine Figur überzeugend auf den Leser – und wann nicht? Auch auf die (notwendige) Motivation der einzelnen Charaktere geht die Autorin hier ausführlich ein.

  1. Figuren entwickeln

Alles schön und gut, doch wie lassen sich glaubwürdige Figuren entwickeln? Das dritte Kapitel lässt im Hinblick auf die Figurenentwicklung keine Wünsche offen. Von Namen über Herkunft bis hin zu Physiologie und Psychologie erläutert Isa Schikorsky ausführlich und unterhaltsam die verschiedenen Aspekte, die zur Entwicklung von Protagonist und Antagonist sowie den Nebenfiguren notwendig sind.

  1. Figuren kennenlernen

Mein Lieblingskapitel in diesem Buch! Die Autorin zeigt hier Methoden auf, mit denen Autoren ihre Figuren kennenlernen können. Diese reichen von den »gewöhnlichen« Vorgängen wie z.B. Steckbriefen und Interviews bis hin zu eher experimentellen, aber nicht minder interessanten Methoden der Figurenentwicklung durch soziale Netzwerke, Horoskope und Tarotkarten.

  1. Erzählperspektive festlegen

In anderen Schreibratgebern werden Erzählperspektive und Figuren – mir persönlich – häufig zu stark getrennt behandelt. Dass beide untrennbar miteinander verbunden sind, zeigt die Autorin hier sehr verständlich. Sie geht auf den Unterschied zwischen Autor und Erzähler ein und erläutert die verschiedenen Wirkungen der Erzählperspektiven.

  1. Figuren auftreten lassen

Wann ist der richtige Zeitpunkt Figuren auftreten zu lassen – und auf welche Art und Weise? Das sechste Kapitel verdeutlicht, welche Möglichkeiten man als Autor hat, seine Figuren zu ihren Charakteren passend einzuführen – auch im Hinblick auf Beschreibung, Schauplätzen und Art der Vorstellung (durch sich selbst oder durch andere).

  1. Figuren denken und sprechen lassen

Welche Sprache nutzt meine Figur? Lasse ich sie sprechen oder nur denken – oder gar schweigen? Der Schwerpunkt des siebten Kapitels liegt auf Dialog, direkter und indirekter Rede und innerem Monolog und verdeutlicht, welche unterschiedlichen Wirkungen auf den Leser sich hinter der jeweiligen Sprachform verbergen.

  1. Zwanzig Tipps für perfekte Figuren und Zwanzig Tipps, Figuren zu finden und zu gestalten.

Sehr praktisch und kurz und knapp sind diese zwei mal zwanzig Tipps für perfekte Figuren, die statt einer Zusammenfassung im Buch zu finden sind. Jeder Tipp besteht aus einer Schlagzeile und einem erläuternden Absatz und fasst das gesamte Buch sehr gut und auf einen schnellen Blick zusammen.

Isa Schikorsky hat mit Helden, Helfer und Halunken meiner Meinung nach den besten deutschsprachigen Ratgeber zum Personal eines Romans geschrieben. Der Schreibstil ist locker flockig, sehr unterhaltsam und niemals langweilig. Als Autorin habe ich aus den Texten sehr viel mitnehmen können und ein Problem, mit dem ich mich seit Wochen herumquälte, binnen Minuten lösen können. Als Lektorin möchte ich meinen Autoren diesen Schreibratgeber besonders ans Herz legen, die Lektüre wird gewiss nicht umsonst sein und das ein oder andere Aha-Erlebnis hervorrufen. Ich werde dieses Buch sicherlich noch sehr oft zur Hand nehmen und erneut darin lesen.

~~~
Photo by John Jennings on Unsplash
*Bei den Links in diesem Artikel handelt es sich um Amazon-Affiliate-Links. Verkaufspreise des Taschenbuchs und der Kindle-Edition können variieren.