Vom Scheitern

Autorenleben

»Ich bin nicht gescheitert. Ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.«
Thomas Alva Edison

Wir alle scheitern. Ständig. Auch wenn wir es nicht gerne zugeben. Es gibt zahlreiche Zitate (wie das obige von Edison), die vom Nutzen des Scheiterns sprechen, die uns sagen: Kopf hoch! Scheitern gehört zum Leben dazu. Und natürlich haben diese Zitate recht, niemand hat ständig nur Erfolg – auch wenn manche (Online-)Auftritte uns das weismachen wollen. Und auch wenn Scheitern zum Leben dazugehört: Niemand gibt  gerne zu, eine Aufgabe nicht bewältigen zu können. Denn, wie Stefanie Kara und Claudia Wüstenhagen in ihrem Artikel Die Kunst des Scheiterns* so treffend formulieren: »Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Menschen an ihren Erfolgen gemessen und für ihre Niederlagen verurteilt werden. In kaum einem anderen Land der Welt werden Misserfolge so sehr geächtet wie hier.«

Nur, wer leistet, ist etwas wert. Nur, wer sein Leben nicht nur auf die Reihe bekommt, sondern Außergewöhnliches schafft, hat sich Anerkennung verdient. Wer ständig gestresst ist, von Termin zu Termin hetzt, unglaublich beschäftigt wirkt und in Arbeit versinkt, scheint etwas richtig zu machen – zumindest, wenn man den Kommentarspalten einschlägiger Onlinezeitungen glaubt. Und wer finanziell, physisch, psychisch oder in einem beliebigen anderen Bereich abgehängt wird … tja, selbst schuld.

Davon können Autoren noch einmal ein besonderes Lied singen. Wer nicht vom Schreiben lebt, gilt lediglich als Hobby-Schriftsteller, nicht als »richtiger Autor». Anerkennung? Fehlanzeige.

Aber sind wir tatsächlich gescheitert, nur weil sich das frisch veröffentlichte Werk nicht so verkauft, wie wir es gerne hätten? Weil sich irgendeine fremde Person bemüßigt fühlt, eine 1-Sterne-Rezension bei Amazon zu veröffentlichen und uns rät, doch lieber einen anständigen Beruf zu ergreifen und die Leser in Zukunft von unserem Geschreibsel zu verschonen? Weil wir vielleicht nicht den Erfolg haben, den wir uns wünschen?

Als Autoren brauchen wir ein äußerst dickes Fell. Nicht nur im Umgang mit Kritik oder ausbleibendem Erfolg, sondern auch in Bezug auf unsere tägliche Arbeit. Wir scheitern ständig. Ob uns die richtigen Worte fehlen, uns die Szene, an der wir nun schon drei Wochen schreiben, einfach nicht gelingen will, ob  die Figur nicht das macht, was sie soll, ob wir uns in der Geschichte verirrt haben und nach 250 geschriebenen Seiten entnervt aufgeben, ob ein dummer Kommentar aus unserem Familien- oder Bekanntenkreis uns trifft oder ob mal wieder ein Ablehnungsschreiben von einer Agentur oder einem Verlag eintrudelt – zu scheitern ist geradezu unser Alltag.

Ist das nun Grund zur Verzweiflung? Ich denke nicht. Denn eines haben all diese Zitate über das Scheitern gemein: Sie alle zeigen, dass zu scheitern nicht das Ende ist. Ja, es ist ärgerlich. Ja, es ist nervig. Ja, es ist furchtbar blöd und wir fühlen uns unzulänglich – vor allem, weil uns in den Sozialen Netzwerken ständig die Erfolge unserer Mitmenschen  und Kollegen unter die Nase gerieben werden.

»Habe heute 10.000 Wörter geschrieben! Yay!«
»Verlag XYZ will meine Buchreihe veröffentlichen. Habe gerade den Vertrag für drei Bücher unterschrieben!«
»Ich habe 1000 Ideen für neue Geschichten – und ich liebe sie alle!«
»Juhu, mein Buch ist auf Platz 10 der Bestsellerliste!«

Solche oder ähnliche Meldungen werden uns tagtäglich in die Timeline gespült. Von vielen Autoren habe ich schon gehört, dass sie sich zwar einerseits für die Kollegen freuen, sich jedoch anderseits unter Druck gesetzt fühlen – oder schlimmer noch – glauben, dass sie keine guten oder keine »richtigen« Autoren seien, weil sie noch nichts veröffentlicht haben, weil sie nicht jeden Tag schreiben (können oder wollen), weil sie nicht sechs Bücher pro Jahr veröffentlichen oder bereits mehrfach ein Nein von Agenturen oder Verlagen erhalten haben.

Es heißt ja immer, man solle aufhören, sich mit anderen zu vergleichen. Ich bin nicht sicher, ob das überhaupt möglich ist. Auch wenn wir es uns fest vornehmen, letztendlich tun wir es ja doch. Da ist immer jemand, der besser aussieht, fleißiger oder erfolgreicher ist, mehr und besser schreibt, mehr verdient … Vielleicht ist es aber auch gar nicht nötig, das Sich-Vergleichen einzustellen, sondern sich zu sagen: »Hey, Autor X hat gerade ein tolles Erfolgserlebnis und ich freue mich für ihn. Das möchte ich auch. Was muss ich dafür tun?«

Und sich auch bewusst machen, dass eben nicht alles Gold ist, was glänzt. Der Verlagsvertrag kann in Stress ausarten, weil man plötzlich von Fremden festgesetzte Fristen einhalten muss. Das Buch kann sich nicht so gut verkaufen, wie gedacht, und vom Verlag nicht mehr nachgedruckt werden. Die 10.000 geschriebenen Wörter können der größte Murks sein, Stunden in der Überarbeitung verschlingen oder gar ganz aus dem Manuskript herausfliegen. Nicht, dass wir das irgendwem wünschen. Aber solche Gedanken helfen uns, zu verinnerlichen, dass Erfolg relativ ist. Er ist das, was du daraus machst.

Besonders extrem wird der Vergleich untereinander für uns Autoren im November, wenn sich hunderttausende Schriftsteller weltweit wieder am NaNoWriMo, dem National Novel Writing Month teilnehmen, in dem es gilt, 50.000 Wörter in dreißig Tagen zu schreiben. 50.000 Wörter in dreißig Tagen? Das sind 1.667 Wörter am Tag. Dreißig Tage lang. Das ist eine ganze Menge. Und es kann sehr frustrierend sein, wenn man seine Kollegen an sich vorbeiziehen sieht und sich selbst fühlt wie eine Schnecke auf Glatteis. Es gibt Autoren, die schaffen dieses Pensum innerhalb von drei Tagen. Es gibt die gemächlichen Schreiber, die pünktlich am 30. November (um kurz vor Mitternacht) das Ziel erreichen (Hier, ich! 👋). Und dann gibt es diejenigen, die es sich fest vornehmen und trotzdem nach wenigen hundert Wörtern aufgeben. Weil die Geschichte nicht so funktioniert, wie sie soll, oder einem das Leben dazwischenfunkt.

Wenn ich den NaNoWriMo nicht bezwinge, bin ich dann gescheitert? Nicht doch. Der Wordcount sagt letztendlich gar nichts über die Qualität eines Textes aus. Wie heißt es auf Kölsch so schön? Jede Jeck is anders. Es gibt Viel- und Wenigschreiber. Autoren, die ein Buch pro Monat schreiben und andere, die mehrere Jahre für eine Kurzgeschichte benötigen. Autoren, die das Wettkampf-Feeling lieben, das der NaNo mit sich bringt, und Autoren, die mit Wörterzählen so gar nichts anfangen können. Und all das ist in Ordnung. Egal, wie du als Autor arbeitest – erlaubt ist, was für dich funktioniert. Und auch dann, wenn du deinen Weg noch nicht gefunden hast, dich noch ausprobierst: Das sagt rein gar nichts darüber aus, wie erfolgreich du als Autor warst, bist oder sein wirst.

Denn, sind wir mal ehrlich: Wer entscheidet, wer oder was erfolgreich ist? Für den einen ist es ein Erfolg, wenn er es schafft, einmal im Monat ein paar Wörter zu Papier zu bringen. Und für den anderen ist die oberste Sprosse der Erfolgsleiter auch nach zehn Bestsellern noch nicht erreicht.

So oder so, du wirst deinen Weg gehen. Selbst, wenn du irgendwann entscheiden solltest, dass dir das Schreiben keinen Spaß mehr macht und du es aufgibst: Dann bist du kein gescheiterter Autor. Dann bist du einfach nur ein Mensch, der sein Interesse und seine Prioritäten auf andere Aktivitäten richtest. Und das ist doch nun wirklich kein Grund, sich schlecht zu fühlen. (Obwohl auch das natürlich erlaubt ist, denn vermeintliches Scheitern tut weh – keine Frage.)

Autor sein bedeutet scheitern lernen. Ich wünsche mir, dass wir mit unseren Misserfolgen ebenso offen umgehen wie mit unseren Erfolgen. Wir sind keine Maschinen. Scheitern ist etwas, das uns menschlich macht.

Vielleicht sollten wir es mit Winston Churchill halten, der sagte: »Erfolg ist die Fähigkeit, von einem Misserfolg zum anderen zu gehen, ohne seine Begeisterung zu verlieren.«

Und auch über unser Scheitern sprechen, denn es ist etwas, das uns alle verbindet.

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*erschienen auf Zeit Online am 11. Juni 2013 und in Zeit Wissen Nr. 04/13. Zuletzt aufgerufen am 8.7.2019 um 13:53 Uhr.
Photo by rawpixel.com on Onsplash

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